aus der Zeitschrift Profil N°6/2014

PROFIL

Wer trifft letztlich die Entscheidung, ob ein Sportler oder eine Sportlerin wieder fit genug für einen Wettkampf ist? der Sportler, der Trainer oder der Arzt?

DR ERICH ALTENBURGER

Immer der Athlet. Wir Ärzte können nur beraten. Das ist auch okay. Spitzensportler haben normalerweise ein sehr gutes Körperbewusstsein. Die wissen genau, was sie sich zumuten können.

PROFIL

Dagegen spricht, dass Lindsey Vonn dachte, sie könnte mit einem gerissenen Kreuzband schifahren. Vor vier Jahren hat die österreichische Schi-Crosserin Andrea Limbacher das gleiche bei den Olympischen Spielen in Vancouver probiert. Kann so etwas theoretisch funktionieren?

DR ERICH ALTENBURGER

Beim Schifahren sicher nicht. Es gibt ein paar Sportarten, für die man das Kreuzband nicht unbedingt braucht, etwa zum Laufen oder Radfahren. Aber bei Dreh-, Beuge- und Streckbewegungen geht es definitiv nicht ohne. Lindsey Vonn hat nach ihrer Verletzung leider zu früh wieder begonnen. Aber wahrscheinlich hätte ich das an ihrer Stelle auch gemacht. Sie wusste, das ist ihre einzige Chance, in Sotschi dabei zu sein.

PROFIL

Wird ein Kreuzband durch die Operation wieder so gut, wie es vorher war?

DR ERICH ALTENBURGER

Nein. Wir können den ursprünglichen Zustand nicht herstellen. Ganz gleich mit welcher Technik. Das bleibt für immer eine Schwachstelle.

PROFIL

Die Unfallchirurgie hat in den vergangenen Jahrzehnten große Fortschritte gemacht. Führt das auch dazu, dass Sportler zu früh wieder ins Training einsteigen?

DR ERICH ALTENBURGER

Grundsätzlich ist etwa die minimalinvasive Operationstechnik ein großer Vorteil. Früher gab es oft mehr Probleme mit dem Gips als mit der Verletzung selbst. Aber als das vor etwa zehn,15 Jahren begann, hat man es übertrieben. Viele Athleten sind schon nach ein paar Monaten wieder zurück gekommen. Heute wissen wir, dass ein Kreuzband neun Monate braucht, um zu verheilen. Noch immer gefürchtet sind Knorpelverletzungen, und zwar egal, in welchem Gelenk. Vor zehn, 20 Jahren hat so etwas praktisch in jeder Sportart das Karriereende bedeutet. Jetzt kann man oft mit Knorpeltransplantationen und speziellen Operationstechniken noch etwas retten.

PROFIL

Spielt es eine Rolle, dass die Athleten immer länger aktiv sind? Viele beenden ihre Karriere erst mit 35 oder noch älter.

DR ERICH ALTENBURGER

Das spielt sicher eine Rolle. Es gibt ja ganz wenige, die komplett unverletzt durch die Karriere kommen. Spitzensport bedeutet eine Abnutzung für den ganzen Körper – natürlich umso mehr, je länger man das betreibt. Daher kommen auch die relativ häufigen Bandscheibenprobleme. Wenn etwa die Wirbelsäule eines Abfahrtsläufers 20 oder 25 Jahre jeden Rumpler und jeden Stoß abfangen muss, helfen auch sehr gut trainierte Muskeln oft nicht mehr.

PROFIL

Warum werden Spitzensportler nach einer Verletzung viel schneller wieder fit als Normalbürger?

DR ERICH ALTENBURGER

Der Sportler hat sofort eine professionelle Betreuung. Er spürt einen Schmerz und bekommt umgehend die Diagnose und eine adäquate Behandlung. Bei einer Muskelverletzung zum Beispiel entsteht eine Blutung. Dieser Bluterguss wird größer, je länger man wartet. Und dann dauert auch die Rehabilitation länger. Man sollte in so einem Fall also nicht warten. Außerdem kann ein Sportler viel mehr Zeit für die Therapie verwenden. Welcher Normalbürger hat die Möglichkeit täglich sechs Stunden dafür zu investieren? Und die Voraussetzungen sind andere. Ein hochtrainierter Muskel ist besser durchblutet und heit deshalb schneller. Das Schöne für mich als Arzt ist, dass Sportler so schnell wie möglich gesund werden wollen und alles dafür tun. Bei anderen Patienten hat man dagegen manchmal das Gefühl, dass sie ganz froh sind, wenn man sie länger krank schreibt.

PROFIL

Beim Sportler geht es eben auch um Geld. Kommt es oft vor, dass ein Athlet noch gar nicht fit ist, wegen des Sponsors aber schnell wieder einsteigen muss?

DR ERICH ALTENBURGER

Ja sicher, das gibt es. Aber so etwas macht jeder nur einmal. Das rächt sich fast immer.

PROFIL

Was schätzen Sie, wieviele Prozent der Schirennläufer im Weltcup regelmäßig Schmerzmittel nehmen?

DR ERICH ALTENBURGER

Sehr viele.

PROFIL

Mehr als die Hälfte?

DR ERICH ALTENBURGER

Das kann ich mir vorstellen.

PROFIL

Gibt es eine erbliche Veranlagung für Verletzungen? Eine ihrer Patientinnen, die ehemalige Schirennläuferin Maria Hohlaus, hatte schon bei ihrem Debut im Weltcup mehrere schwere Knieblessuren hinter sich. Sollte man da nicht lieber gleich aufhören?

DR ERICH ALTENBURGER

Bei Maria Hohlaus war das anders. Ich habe sie schon nach ihrem ersten Kreuzbandriss behandelt. Da war sie vielleicht 16 oder 17 Jahre alt. Sie ist dann zu früh wieder gefahren. Gleich beim ersten Rennen nach der Pause ist das Kreuzband wieder gerissen und dann noch ein drittes Mal. Es gibt eine genetische Disposition, natürlich. So etwas merkt man aber schon viel früher, im Alter von 11 oder 12 Jahren. Das ist einer der Gründe, warum es nur zwei Prozent der Nachwuchsfahrer in den Weltcup schaffen.

PROFIL

Ist das Material mitschuldig an den vielen Verletzungen im Schisport?

DR ERICH ALTENBURGER

Es spielt sicher eine Rolle. Früher waren die Schischuhe relativ weich. Da hatten wir viele Knöchelbrüche und Schuhrandverletzungen. Jetzt sind die Skier taillierter und die Schuhe beinhart. Das Knie ist der erste bewegliche Teil und kriegt sozusagen alles ab. Stark wirkt sich auch dieser extrem verdichtete Kunstschnee aus, auf dem man fast nicht mehr rutscht. Die Kombination aus Kunstschnee und Carving-Skiern ist gefährlich.

Interview: Rosmemarie Schwaiger